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6. Kapitel (C)

In der Nacht träumte sie, daß sie wie zu Hause auf das Kellerdach kletterte, in die Luft stieg und in Richtung Iinmäki flog. Und sie flog so schnell, daß ihr Haar im Wind flatterte. Und sie flog auch am Iinmäki vorbei. Und Iinmäki schien nicht höher zu sein als das Kellerdach, wenn man von der Birkenkrone aus hinblickte. Sie schwebte noch höher, bis in die Wolken hinein und über sie hinaus, so daß sie Angst bekam … und als sie erwachte, war es bereits Morgen geworden. Als sie den Schulhof betrat, waren die anderen Mädchen schon da und bereit zum Aufbruch. Alle hatten schöne Kleider an, hüpften gemeinsam herum und zeigten sich den anderen. Elli hatte ihre Alltagskleider an, ein hausgeschneiderten grauen Umhang und Halbschuhe, die ein bißchen zu groß waren. Bisher hatte sie das gar nicht so sehr gemerkt, doch nun war es ihr peinlich und bedrückte sie. Sie fühlte sich so schutzlos und einsam … sie hatte niemanden, zu dem sie wirklich gehörte. Und ihr war, als würden die Mädchen sie ab un...

6. Kapitel (B)

Elli konnte weder an Kleider noch an Proviant für die Reise denken. Ihre Gedanken kreisten nur um den Hügel, auf den sie klettern würden und der so hoch sein sollte. Sie dachte an den Iinmäki, der man zu Hause vom Dach des Kellers aus sehen konnte und der auch sehr hoch war. Sie war noch nie auf diesem Hügel gewesen, aber sie hatte von Kirchenmännern, die dort gewesen waren, gehört, daß man von dort oben bei klarem Wetter viel Land und viele Kirchen sehen konnte …

6. Kapitel (A)

Am Michaelistag war schulfrei, und man hatte beschlossen, gemeinsam einen Ausflug auf den großen Hügel zu machen, der ein kleines Stück von der Stadt entfernt lag und auf dessen Gipfel ein großer Turm erbaut worden war. Schon Tage vorher wurde in der Schule darüber gesprochen, was sie anziehen würden … „Ich ziehe meinen schwarzen Rock und die blaue Matrosenbluse an …“ „Ich meinen blauen Rock und die grüne Bluse und den Lackgürtel …“ „Ich auch, und dazu einen kleinen Dolch am Gürtel …“ „Ich nehme noch meine Ledertasche mit, für den Proviant …“ „Was für Proviant nimmst du mit? Ich nehme Teebrote ...“

5. Kapitel (P)

Und es ging alles so schnell! Und es schnürte ihr die Brust zu, wenn sie es sah. Es war fast beängstigend, wenn man daran dachte, daß die ganze Welt … hui! … aber trotzdem wollte sie es sehen. Und wenn der Globus in der Klasse war, stand Elli in den Pausen daneben, betrachtete ihn von allen Seiten, von oben bis unten, drehte ihn unaufhörlich, mal langsamer, mal schneller, und vergaß alles andere. Einmal schoß ihr ein seltsamer Gedanke durch den Kopf: Dreht Gott die echte Welt vielleicht auch so, und gibt er ihr wohl immer mit der Hand Schwung, wenn sie anzuhalten droht? Der Gedanke war so verrückt, daß sie selbst darüber lachen mußte, aber er kam doch immer wieder und wollte nicht verschwinden. Und als der Globus in andere Klassen gebracht wurde, vermißte Elli ihn tagelang.

5. Kapitel (O)

Am Samstagnachmittag, als sie sich verabschiedet hatte, schrieb Elli ihrer Mutter darüber und dachte, daß ihre Mutter wohl ein wenig lachen würde, wenn sie das lesen würde, und fragte sich, was sie wohl denken würde. Aber plötzlich kamen von ihrer Mutter so merkwürdige Briefe. Es sah überhaupt nicht so aus, als wäre das für die Mutter etwas Komisches, wie Elli angenommen hatte. Und dann wies sie Elli an, ihren Lehrern zu gehorchen und sie auf keinen Fall nachzuahmen, auch wenn andere es taten. Und wenn man sich langweilte, konnte man das am besten vertreiben, indem man das Wort Gottes las, und es war gut, sich schon von klein auf daran zu gewöhnen. Man mußte Gott auch um Hilfe beim Lernen bitten, dann würde es schon gehen ... Dann schrieb die Mutter zwischendurch über andere Dinge und am Ende wieder dasselbe wie am Anfang. Aber Ellie verstand diese Briefe nicht, und sie schrieb ihrer Mutter nicht mehr über Schulangelegenheiten. Sie gewöhnte sich immer mehr an das neue Leben und fand...

5. Kapitel (N)

Dann und wann durfte sie nach draußen auf den Hof gehen, der jedoch sehr klein und eng war, und in der Mitte befand sich ein rundes Beet, in dem gelbe und rote Blumen wuchsen. Auf die Straße durfte sie nicht gehen. Die war breiter als ein Weg auf dem Land, doch es gab keine Gräben und auch keine Tore, durch die man schauen konnte, doch man hätte auch wenig gesehen außer dem großen Hügel, den sie anfangs für die Stadt gehalten hatte. Aber die Stadt lag sehr tief … Jeden Mittwoch und Samstag hatte sie nachmittags frei, und die Tante ging mit ihr auf die Straße und in den Park. Im Park gab es ein wenig Rasen, aber sie durfte nicht vom Weg abkommen. Die Tante ging immer sehr langsam, und es machte müde, neben ihr herzugehen. Elli durfte nicht rennen oder hüpfen, auch wenn sie gewollt hätte, und mußte kleinere Schritte machen als zu Hause und sich bei der Tante einhaken … Es war so seltsam, wenn man daran dachte, daß man vom Gehen müde werden konnte. Man durfte nicht rennen oder hüpfen, wa...

5. Kapitel (M)

Bei ihr lief das Lernen so, daß sie jeden Tag zu Hause eine bestimmte Menge auswendig lernte, und was sie nicht konnte, mußte sie es noch einmal lesen, damit sie nichts vergaß. Bevor sie alles auswendig konnte, wie etwa den Katechismus, durfte sie sich nicht vom Tisch wegrühren. Die Tante kam immer wieder vorbei, um sie abzuhören, und wenn Elli ihre Lektion nicht konnte, sagte sie, daß sie ihre Gedanken zusammenhalten sollte, statt sie in andere Richtungen wandern zu lassen, aber Elli konnte deshalb trotzdem nicht besser lernen.

5. Kapitel (L)

Und wenn ihr dann leichter ums Herz wurde, fing Elli an, über ihr Dasein nachzudenken und sich umzusehen. Seltsam war das Leben hier in der Schule und ganz anders als zu Hause. Sie hätte sich so etwas nicht vorstellen können, bevor sie es gesehen hatte. Auch die Zimmer waren nicht so wie im Pfarrhaus, nur Säle und Kammern, keine einzige Stube. Auch das Essen war anders, Butter gab es nicht zu jeder Mahlzeit – Milch schon, aber jeweils nur ein Glas. Und wo kam das eigentlich her, wenn nirgendwo Kühe zu sehen waren? Darüber schrieb Elli an ihre Mutter und auch über andere Dinge … Hier war das Lesen für alle Arbeit, und wenn sie die nicht verrichteten, taten sie gar nichts. Alle lasen, auch die Erwachsen, auch die Tante machte nicht viel anderes …

5. Kapitel (K)

Mit ihnen alberten sie herum und machten sie nach. In den Pausen mußte man von seinem Platz aufstehen und sie anschauen gehen. Sie konnten ihre Stimme genauso klingen lassen wie die der Lehrerinnen und genauso sein wie sie. Und wenn Elli ihnen eine Weile zuschaute, hatte sie das Gefühl, daß sie das gleiche machen könnte. Und zu Hause machte sie alles nach, allein in ihrem Zimmer, doch in der Schule traute sie sich das nicht. Sie fürchtete, daß sich alle um sie scharen würde … und gerade das machte ihr Angst.

5. Kapitel (J)

Dort wohnte sie viele Wochen und tauchte dann und wann in der Schule und anderswo auf, immer ganz plötzlich und ohne es zu wissen. Nach ein paar Wochen fing Elli trotzdem an, sich ein wenig umzusehen, und ab und zu lachte sie auch über schöne Sachen, und das Weinen war versiegt. In der Schule waren auch ein paar nette Mädchen, und mit denen lachte sie sehr, wenn sie Unsinn trieben, während die Lehrer nicht in Sichtweite waren.

5. Kapitel (I)

Auch zu Hause wollte die anfängliche Scheu nicht verschwinden. Sie hatte immer noch Angst, daß sie, wenn sie sich rührte, einen Stuhl umstoßen oder den Teppich schmutzigmachen würde. Oder daß beim Reden ihre Stimme zu laut klingen würde und die ordnungsbewußte Tante sie vorwurfsvoll ansehen würde. Als sie schlafenging, löste sich das Heimweh, das sich im Laufe des Tages in ihrer Herzgegend angesammelt hatte, in bitterlichem Weinen, noch bitterlicher als das von gestern abend. Und auch jetzt erleichterte es sie nur wenig, sondern machte es nur noch schlimmer. Und als sie das einsame kleine Bett sah, empfand sie eine solche Beklemmung, daß sie sich gegen den Tisch lehnte und die Faust auf den Mund drückte, damit kein Schrei aus ihrer Kehle kam. Und als es doch herauskam, mußte sie ins Bett eilen und es im Kissen ersticken. Sie bekam das Gefühl, daß sie an diesem Ort sterben würde, wenn sie nicht nach Hause käme, und dieses Leben nicht bis zum morgigen Tag aushalten würde. Sie mußte wie...

5. Kapitel (H)

Als sie am Morgen aufstand, fühlte sie sich etwas sicherer, doch nach der Schule kam das Gefühl der Unsicherheit zurück. Sie konnte nichts, wußte nicht, was zu tun war, und die anderen schienen alles zu wissen. Und weil sie nichts konnte, schauten die anderen Mädchen sie lange an, und einige zeigten mit dem Finger auf sie. Alles war so anders als zu Hause, groß, kalt und sperrig, und jeder Platz sorgfältig gestrichen. Sogar der Geruch der Schulbank war seltsam und fremd.

5. Kapitel (G)

Und abends beim Schlafengehen, als der Vater schon gegangen war, bekam Elli, die in den kalten fremden Laken lag, eine solche Sehnsucht nach der Mutter, daß sie in Tränen ausbrach und sich die Decke über die Ohren zog, damit sie in Ruhe weinen konnte und niemand es hörte. Bevor sie einschlief, hatte sie das Gefühl, ein Dummkopf zu sein, den jeder übertreffen konnte, und nichts zu können.

5. Kapitel (F)

Elli saß das Weinen in der Kehle, sie fühlte sich so schutzlos, dort allein am Rand. So fühlte sie sich auch jetzt, als sie wieder am Tisch saß, obwohl ihr Vater dabei war. Die ganze Gestalt dieser fremden Frau, ihr blasses Gesicht mit den regelmäßigen Zügen, das sorgsam gekämmte Haar und ihre wohlgesetzte Art zu reden – so wie man ein Buch lesen würde – die langen dünnen Finger – all das war so trist und kalt und düster, daß der Gedanke, hier allein zurückzubleiben, sie in Angst und Schrecken versetzte. Das schimmernde weiße Tischtuch, die silbernen Messer und die ordentlich geschnittenen Brotscheiben – all das hatte etwas an sich, das ihr den Mut und das Selbstvertrauen völlig raubte.

5. Kapitel (E)

Der Gang war lang und dunkel, und es hallte in ihm wider wie in einem Keller, sobald man sich nur ein wenig rührte. Die Tür öffnete sich ein wenig und wurde dann noch härter zugeschlagen. Man hörte Schritte näherkommen, und als sie am anderen Ende des Flurs waren, schien es Elli, als wäre es eine ganze Schar von Kirchgängern, die da kam. Aber es waren nur drei, vier Mädchen, so groß wie sie, die an ihr vorbeiliefen. Als sie sie bemerkten, blieben sie stehen und sahen sie an, flüsterten sich etwas zu und liefen dann lachend weiter.

5. Kapitel (D)

„Sie können sicher sein, Herr Pastor“, versicherte das Fräulein und rückte sich die Brille zurecht, „daß wir unser Bestes tun werden … und wenn sie die Ausbildung hinter sich hat und nach Hause zurückkehrt, hoffen wir … prost, Herr Pastor! … daß sie alle Ihre Erwartungen erfüllt …“ Der Vater verbeugte sich und stieß mit dem Fräulein an. „Davon bin ich überzeugt und lasse meine Tochter voller Vertrauen Ihrer Obhut an.“ Auch Elli saß am Tisch, aber sie konnte weder essen noch trinken … zu reden brauchte sie zum Glück nicht. Sie saß mit gefalteten Händen da, starrte auf ihren beinahe leeren Teller und hielt das Weinen zurück. Es war alles so … so … ihr war, als würde sie am liebsten aufhören zu atmen. Elli war mit ihrem Vater zu der Schulleiterin gegangen, und während Vater mit der Direktorin sprach, hatte Elli allein auf dem Gang gestanden.

5. Kapitel (C)

Der Vater war zu beiden außerordentlich liebenswürdig, er sprach so gewählt und höflich, wie man es auf dem Lande nie erlebte. Er erinnerte sich an seine Studienzeit und versicherte Elli, daß man selten so kultivierte, intelligente Frauen treffe. Elli sagte nichts dazu. Die Direktorin und die andere Frau hatten ihr die Wange getätschelt, aber ihre Hände hatten sich so kalt angefühlt, daß Elli zurückgeschreckt war. Am Tag vor Vaters Heimreise zog Elli zu ihrer neuen „Tante“, und der Vater war zum Mittagessen eingeladen. Man unterhielt sich angeregt und war in allen Dingen einer Meinung.

5. Kapitel (B)

Aber die Ankunft in der Stadt begeisterte Elli überhaupt nicht. Es war … alles genauso platt wie zu Hause … Der Vater konnte seine Tochter nicht so gut plazieren, wie er gehofft hatte. Er wollte, daß Elli bei der Schulleiterin wohnte, doch dort waren alle Plätze belegt. Aber die Direktorin, eine höfliche, in jeder Hinsicht regelkonforme Frau mit überaus weißen Zähnen, versicherte, es sei gut, wenn Elli dort leben würde, wo sie es vorschlug. Und die Schulleiterin empfahl eine Lehrerin aus dem Institut. Die war genauso höflich, formell und hatte genauso weiße Zähne wie die Direktorin.

5. Kapitel (A)

Die ganze Zeit über, in der sie Richtung Stadt fuhren, hatte Elli ein Bild im Kopf, das sich ihr eingeprägt hatte. Je näher das Schiff der Stadt kam, desto mehr Hügel erschienen an den Ufern der Seen. In der Ferne wurden noch mehr sichtbar, und Häuser und Wiesen leuchteten im Glanz der Abendsonne. Elli war oft im Begriff gewesen, zu fragen, was von alledem die Stadt war, als sie gehört hatte, daß sie bald in der Stadt sein würden, aber sie war nicht dazu gekommen. Der Vater war die ganze Fahrt über guter Laune gewesen, hatte Elli Süßigkeiten gegeben und ihr alles gezeigt. „Da ist sie nun, Elli – die Stadt. Sag, wo sie ist!“ „Da“, sagte Elli und wies auf einen herrlichen Hügel, auf dessen Gipfel und Abhängen Häuser und grüne Felder zu sehen waren. „Nein, nein“, sagte der Vater, „nicht da! Sieh nur, dort, am Fuße des Hügels … siehst du, da ist sie!“ „Pfui! Warum baut man da eine Stadt hin?“ „Wo hätte man sie denn sonst hinbauen sollen?“ „Oben auf den Hügel … so hätte ich es gemac...

4. Kapitel (G)

Das Richtige, Schöne und Edle, das beim Lesen in den hellen Sommernächten so tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht hatte, mußte für eine Weile verschwinden. Im Winter war alles vorbei, und es war soviel zu tun, daß die Träume des Sommers vorerst verschwunden blieben. Wenn sie nur nie wiedergekommen wären! Über Elli sagten alle, sie sei das Ebenbild ihrer Mutter. Aber keiner wußte, daß sie auch den Charakter ihrer Mutter geerbt hatte. Und daß sie die gleichen Gedanken und Gefühle hatte, während sie heranwuchs! Immer deutlicher erinnerte sie sich an die frühere Zeit, dachte daran und sah alles ganz klar vor sich. Aber es beunruhigte sie, und sie war immer im Zweifel, wie das Leben des Mädchens auf dieser Welt sich gestalten würde … und ob es gut wäre, wenn es so würde wie ihr eigenes. Wenn sie gewußt hätte, ob es anders werden würde und ob sie selbst anders geworden wäre, wenn alles richtig gewesen wäre … Doch wer wagte zu sagen, daß es so, wie es war, nicht richtig war? Plötzlich quält...